Tageslosung
Montag 16.12.2019
Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht!Jesaja 49,15
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Römer 8,38-39
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Jahreslosung 2020

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Markus 9,24)

Es ist ein Sonnabend im Oktober 2019, 7.30 Uhr. Ich stehe in der Warteschlange am Bäckerauto. Verschlafene Gesichter grüßen sich in unterschiedlichsten Tonlagen – je nachdem, wie viel Gold die Morgenstunde im Munde trägt. Und dann – dieser Dialog!

Der Typ vor mir gibt wortkarg seine Bestellung auf: »Drei Normale.« Die Verkäuferin – die Señorita der Bäckerei – setzt an, sich zu dem großen Korb mit den Doppelbrötchen, die allein aus Weizenmehl gebacken sind, hinunterzubeugen. Doch kaum hat sie diese Bewegung begonnen, stockt sie. Ihr Kopf dreht sich noch einmal zu dem Typen vor mir. »Die andern sind doch ooch normal – hoffe ich. Die ham mir noch nüscht getan!« Beide lachen kurz. Dann bekommt der Typ vor mir seine Doppelbrötchen.

Was für ein Dialog! – denke ich. Noch ehe ich meine Brötchen an den Frühstückstisch bringe, setze ich mich hin, um ihn so genau wie möglich aufzuschreiben. Denn »Was ist eigentlich normal?« ist eine der spannendsten Fragen überhaupt. Wie kommen wir dazu, etwas für normal zu halten; und etwas anderes für unnormal?
Sind die normalen Brötchen die, die am häufigsten gekauft werden? Weil sie ohne irgendwelche extravaganten Körner – sei es außen oder innen – so etwas wie den größten gemeinsamen Nenner des Geschmackes bilden? Übertragen: Ist so, wie die meisten Menschen sind, das, was für die meisten Menschen gilt, normal?

Einen Gegenentwurf bringt die Bäckerin. Für sie sind die anderen – was auch für seltene Zutaten in ihrem Teig enthalten sein mögen – ebenfalls normal. Solange sie ihr nichts tun.
Lässt sich »Normal« auch so definieren: nicht was jemand ist; sondern wie jemand ist? Friedlich zu sein, ist normal. Freundlich. Die kernigen Typen und die glatten; die hellen und die dunklen? Unabhängig davon, wie häufig oder selten sie vorkommen?

Und wenn wir auf uns selbst blicken? Ja klar, im Normalfall gehen wir alle davon aus, dass wir normal sind. Wir beurteilen alles, was um uns herum ist, von unserer Position aus. Dabei wollen wir selbst gern normal sein. Passen uns – bewusst oder unbewusst – an etliches an, was die Menschen um uns herum für normal halten.

Andererseits wollen wir auch nicht zu normal sein, wollen markant sein, besonders sein, wollen unsere Individualität ausleben. Auch das ist ganz normal.

Mir geht es so: Umso eingehender ich mich mit der Frage beschäftige, was normal ist und wie wir dazu kommen, etwas für normal zu halten, umso mehr zerrinnt sie mir zwischen den Fingern. Und dann fällt mein Blick auf Gott, auf Weihnachten.

Wenn Gott zum Heile aller Menschen selbst Mensch werden wollte, dann – so denke ich mir das – dann wird er dafür ja auch ein »ganz normaler« Mensch geworden sein. Ich schaue mir Jesus an. Ich stelle ihn mir vor zwischen seinen Mitmenschen damals, oder auch zwischen seinen Mitmenschen heute. In vielerlei Hinsicht würde er sicherlich sogar heute als ganz normal durchgehen: Einfaches Elternhaus. Uneheliches Kind. Später von zuhause weggegangen.

Und in mancher Hinsicht würde Jesus sicherlich auch heute als unnormal auffallen: Ein Leben ohne Bodenständigkeit und Besitz. Ein Typ, an dem sich die Geister scheiden. Worte, von denen sich etliche in Frage gestellt fühlen.

Jesus ist von allem was. So normal und zugleich so unnormal, und bei allem so friedlich, dass selbst das manche auf die Palme bringt.

Wenn Gott so zur Welt kommt, dann dürfen wir uns durchaus immer mal fragen, was für uns eigentlich normal ist.

Eine gesegnete Weihnachtszeit wünscht Ihnen Pfarrer Christian Bernhardt