Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine
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Neben vielen anderen steht in meinem Regal ein Buch mit dem Titel „Ich möchte Leben haben“. Dieser Titel fasziniert mich. Auch ich könnte das immer wieder so formulieren: Ich möchte Leben haben. Ich hätte das schon damals so oder ähnlich gesagt, als ich noch jung war. Für junge Menschen ist das Buch geschrieben. Aber ich sage es auch heute noch so. Ich möchte Leben haben, das mehr ist als der Wechsel von Schlafen, Essen, Trinken, die nötigen Dinge erledigen und dann wieder von vorn. Und ich merke, dass es vielen anderen auch so geht. Große Feste und andere Erlebnisangebote ziehen Scharen von Besuchern an. Es geht dort zuweilen auch sehr lebendig zu.
Im Rahmen der Herbst- und Weinfeste oder auch des Weihnachtsmarktes hier in Kötzschenbroda habe ich durchaus schöne anregende Theaterund Puppenspiele gesehen. Auch manche frohe Runde habe ich in guter Erinnerung. Doch nicht immer finden Menschen bei solchen Veranstaltungen auch das, wonach sie suchen. Bei manchen erzeugt der Drang, nichts verpassen zu wollen, eher Unrast. Es kann sein, dass dann das Gefühl der Leere bleibt. So geht die Suche nach ein bisschen Leben weiter. Was ist das eigentlich – Leben? Es sollte erfülltes Leben sein, sagen wir oft. Was kann aber ein Leben füllen? James Krüss macht einen Vorschlag: Das Lachen darf nicht fehlen. In einem Buch spielt er durch, wie ohne Lachen trotz Geld und Wohlstand ein Leben starr und kalt bleibt. In der Bibel heißt es gar, dass es möglich ist, mitten im Leben tot zu sein: Der Vater, der seinen „verlorenen“ Sohn wieder in die Arme nimmt, sagt: Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden. Und dieser Sohn hatte keineswegs im Grab gelegen. Er war auf „Lebenssuche“ gewesen.Dazu hatte er die vorgezeichneten Bahnen verlassen und war in die Welt gezogen. Er hatte versucht, möglichst viel „mitzunehmen“, nichts zu verpassen.
Aus den Begegnungen, die er hatte, wurden keine tragenden Beziehungen. Er erlebte Enttäuschungen und Versagen, auch eigenes. Aber er wurde sich seiner Krise bewusst, stellte sich dieser und kehrte zurück. Und nun erfuhr er die Kraft der Liebe. Durch die Vergebung des Vaters wurde er lebendig. Der andere Sohn hatte versucht, sein Leben in den vorgegebenen Bahnen zu leben. Er führte die Traditionen fort und arbeitete zuverlässig. Doch dann kam seine Krise: Er konnte dieses Wunder des Lebendigwerdens nicht mit vollziehen. Er wurde eingeladen zu dieser Erfahrung. Es bleibt offen, ob auch er zum Leben fand oder ob er tot blieb. Offensichtlich ist es für ein erfülltes Leben wichtig, zu entdecken, was auch in Krisen trägt: Die Vergebung, die Offenheit, manches aus einem neuen Blickwinkel zu sehen und das Vertrauen, dass Gott unser Leben durch überraschende Ereignisse bereichern kann.
Ich lebe und ihr sollt auch leben, sagt Jesus. Er sagt es seinen Jüngern. Prägende Jahre sind sie nun mit ihm zusammen gewesen. Sie haben Entbehrungen hingenommen und dennoch erlebt, wie Gott sie reich gemacht hat. Sie hatten Angst in mancherlei Stürmen und wussten nicht weiter und haben dann erlebt, wie er ihnen dennoch helfen konnte. Nun nimmt er Abschied, und wieder ist vieles ungewiss. Doch seine Zusage steht auch angesichts des Todes: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Es hat sich mir tief eingeprägt, dass diese Worte auf dem Grabstein meines Großvaters stehen. Denn diese Zusage gilt auch uns.
Michael Schleinitz













