Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine
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Dann kam der Krieg wie ging es da für Sie weiter?
Herr Tschickart, Sie sind vielen Radebeulern gut bekannt aufgrund Ihrer langjährigen Arbeit für unsere Gemeinde. Besonders engagiert haben Sie sich für die Junge Gemeinde. Wann begann alles?
Meine Heimat ist in Schlesien, im heutigen Polen. Dort wurde ich 1921 geboren. Als Jugendlicher gehörte ich schon zur christlichen Jugendarbeit . Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfolgte die Zwangseingliederung der Christlichen Jugendarbeit in die Hitler- Jugend. In der Nazi-Zeit ging ich nicht in die Hitler- Jugend, sondern blieb in der christlichen Jugendarbeit tätig.
Während dieser Zeit betrieben wir immer evangelische Jugendarbeit. Erlaubt waren nur Bibelstunden, wir riskierten viel, weil wir illegal arbeiteten. Wir wussten, dass wir ständig bespitzelt wurden. Wenn ich zurückblicke, war das für mich die wichtigste Zeit in meinem Leben.
Dann kam der Krieg wie ging es da für Sie weiter?
Als Soldat war ich im Nachrichtendienst eingesetzt. Ich wurde davor bewahrt, auf jemanden die Waffe zu richten. Auch in dieser Zeit habe ich täglich die Losungen und die Bibel gelesen. Beim Losung - Lesen bekam ich eine spezifische Weisung, die ich befolgte' zu meinem Glück ! (Das ist mir zweimal in meinem Leben passiert)
In Frankreich (Paris) kam ich dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Dort wurde ich freigestellt für die evangelische Jugendarbeit für deutsche Kriegsgefangene. Außerdem betreute ich zusammen mit einem Pfarrer seelsorgerlich andere Gefangene. Zuletzt übernahm ich die Pfarrstelle des Lagers.
Wie kamen Sie nach Radebeul?
Noch im Krieg verlobte ich mich mit einer Radebeulerin. Ende 1946 zog ich mit meiner Frau nach Radebeul- Naundorf.
Hatten Sie damals gleich Kontakt zur Gemeinde?
Anfang 1947 wurde ich in den Kirchenvorstand gewählt und begann mit der Junge- Gemeinde-Arbeit in Naundorf/Zitzschewig (Johanneskapelle) . Nebenbei arbeitete ich in verschiedenen Gremien der evangelischen Jugendarbeit: Ich war in der Leitung des ersten Sächsischen Landesjugendkonvents.
Später im Jungmännerwerk (CVJM) arbeitete ich im Beirat mit und wurde dort erster Laienvorsitzender. Meine Aufgabe war vor allem die Schulung von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ich beteiligte mich an der Beratung der Wehrdienstverweigerer eine sehr wichtige und schwierige Aufgabe. Ich habe oft zu Jugendlichen gesagt: "Die Sache bekennen, aber nicht provozieren". Uns war bewusst, dass wir bespitzelt wurden.
Während meiner Zeit in der Jugendarbeit in Radebeul habe ich drei Spitzel in der Gemeinde entlarvt. Das gehörte zu meinen erschütternsten Erlebnissen!
In der Friedenskirchgemeinde hielt ich Bibelstunden und übernahm bis zur Wende ab und zu die Predigten im Gottesdienst. Etwa 100 Predigten habe ich gehalten. Später war ich in den Altersheimen in Neufriedstein und Altfriedstein als Krankenhausseelsorger tätig.
Es gab damals zu wenig Pfarrer, die diese Aufgaben hätten übernehmen können. Mit 50 Jahren habe ich die übergemeindliche Arbeit abgegeben. Ich war der Meinung, dass jetzt Jüngere sie übernehmen sollten.
Welchen Beruf haben Sie eigentlich gelernt?
Weil ich damals nicht studieren durfte, lernte ich einen kaufmännischen Beruf.
Und was haben Sie beruflich gemacht?
Als ich in den vierziger Jahren die Gelegenheit bekam, ein Geschäft zu übernehmen, hatte ich aufgrund meiner kaufmännischen Ausbildung die besten Voraussetzungen dafür. 40 Jahre lang führte ich als Privatmann zusammen mit meiner Frau in Coswig ein Kosmetikgeschäft. In den politischen Spannungen habe ich von meinem Glauben her auch geschäftliche Dinge entschieden.
Wollen Sie etwas zu Ihrer Familie sagen?
Meine Frau starb, nach langer Krankheit, vor drei Jahren. Wir hatten zwei Söhne, beide waren geistig behindert. Meine Frau hat sich viele Jahre um die Betreuung der Jungen gekümmert. Beide Söhne leben nicht mehr. Ich habe mich oft gefragt: Was will Gott mit uns?
Ich denke, dass gerade die schweren Prüfungen im Leben einen stark machen für das Leben im Glauben. Unser Glaube wird in jeder Zeit herausgefordert. Das war oft auch ein Thema in vielen Gesprächen, die ich führte.
Wann sind Sie denn in Ihre schöne kleine Wohnung gezogen?
Ende vorigen Jahres war mein Umzug von Naundorf in diese kleinere Wohnung auf der Elbstraße geplant. Dann hatte ich einen schweren Unfall mit dem Fahrrad und musste ins Krankenhaus und anschließend noch zu einer Reha-Kur nach Kreischa. Als ich entlassen wurde, war meine neue Wohnung fertig eingerichtet' meine Neffen, Nichten und Freunde haben meinen Umzug erledigt!
Sie könnten sicher noch vieles über Ihr Leben erzählen.
Ja, ich hatte ein spannungsreiches Leben, wo nichts selbstverständlich war. Es verändert sich oft die Situation, und damit auch die Aufgabe. Das trifft auch auf meine derzeitige Lebenssituation zu.
Wie geht es Ihnen jetzt ?
Oft bekomme ich Besuch von Verwandten, Bekannten und Freunden. Ich habe "geistige Kinder", die mich oft besuchen
und Gespräche mit mir führen. Und ich wandere gern und fahre viel mit dem Fahrrad.
Das Interview führte Barbara Heinrich
Das Interview wurde aus der Druckausgabe des Friedensgruß 06/2005 übernommen.
Nachruf für Walter Tschickart
Vor genau einem Jahr veröffentlichte der "Friedensgruß" das nebenstehende Interview mit Walter Tschickart.
In beeindruckender Weise kam darin die Persönlichkeit des Mannes zum Ausdruck, von dem wir am 23. Juni auf dem Johannesfriedhof Abschied genommen haben. Eine große Schar von Menschen begleitete ihn zu seinem Grab. Und wie selten bei solchen Anlässen lag etwas Besonderes "in der Luft": Es war, als begleitete uns das gütige Lächeln dieses Mannes, eine gewisse Freude trotz der Trauer und eine hoffnungsvolle Zuversicht trotz des Abschiedes.
Walter Tschickart war eine prägende Persönlichkeit unserer Kirchgemeinde. Es ist kaum zu fassen, dass sein umfangreiches Engagement in der gemeindlichen und übergemeindlichen Jugendarbeit, seine Predigtdienste, seine langjährige und leitende Mitarbeit im Kirchenvorstand ehrenamtliche Tätigkeiten waren. Trotzdem hat er nie seine Person in den Mittelpunkt gestellt. Ihm ging es immer um die Sache Christi. Für sie hat er viel gewagt und viel getan. "Ich hatte ein spannungsreiches Leben, wo nichts selbstverständlich war", so schätzte er es selbst ein.
Und er hatte auch ein schweres Leben. Trotzdem strahlte er Güte und Zuversicht aus. Er war ein Mensch, der seinen Weg ging in persönlicher Bescheidenheit und hohem Engagement, in gütigem Verständnis für andere und großer Klarheit für das, was für ihn Nachfolge Christi bedeutete. So hat Walter Tschickart Spuren hinterlassen.
Wir danken ihm dafür, und wir danken Gott, dass dieser Mann unter uns lebte.
08/2006 Irene Wille












